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In DIY | Gärtnern

Nachhaltiges Gärtnern mit samenfestem Saatgut

 

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Auf sämtlichen unserer Fensterbänke stehen momentan Anzuchttöpfchen, in denen nun nach und nach Sonnenblumen, Kapuzinerkresse, Calendula, Stockrosen, Cosmea, Zuckererbsen, Bohnen, Kirschtomaten usw. keimen – jedes Pflänzchen ganz nach seiner Art. 

Das eine Pflänzchen mit kräftigen Keimblättern, womöglich noch mit einem kecken Mützchen oben drauf, das erst dann abgelegt wird, wenn sich die beiden Keimblätter beim Erwachen recken und strecken. Das Pflänzchen am Küchenfester kommt langsamer und ein bisschen leiser zum Vorschein und man kann sich bei seinem Anblick kaum vorstellen, wie es trotz seiner zart und fein wirkenden Blättchen so kraftvoll zum Sonnenlicht hin durch die Erde drängeln konnte. So ist das wohl oft im Leben – man sieht nicht allem und jedem an, was drinnen wohnt.

Wir stehen morgens oft staunend am großen Wohnzimmerfenster und gucken den Sonnenblumen beim Wachsen zu, bzw. findet momentan wieder Fernlernunterricht statt und so sitzen unsere Buben (am liebsten noch im Schlafanzug) mit ihren Schulaufgaben wieder einmal an ihrem Lieblingsplatz am Fenster mit Blick auf das Vogelfutterhäuschen und nun obendrein auch auf die Schale mit den Keimlingen.

Ich himmle beim dem Spülen oder Kochen gerne unsere Tomatenkeimlinge an, die wir an Ostersamstag säten und deren zarte Blättchen nun nach einer guten Woche des Wartens ganz wunderfitzig aus der Erde gucken – so oft erlebt und dennoch ist und bleibt es ein großes Wunder, was da in einem winzigen Samenkörnchen im Verborgenen wartet.

Voriges Jahr bekamen wir mehrere Tomaten-Jungpflanzen von einer sehr lieben Gärtnerin geschenkt – wir freuten uns bis in den Herbst hinein an den vielen Früchten im KinderGärtchen – die kleinsten und süßesten Tomätchen verschwanden meist direkt nach dem Pflücken in zwei Bäuchen, in die Küche schafften es meist nur die größeren Tomatensorten. Als wir an einem Abend glücklicherweise doch noch in den Genuss kamen, einige wenige Kirschtomaten in Scheibchen zu schneiden, um unsere Käsebrote damit zu versüßen, las mein Mann ein paar Samenkörnchen vom Schneidebrett und tupfte sie sachte auf ein Küchentuch, wie es früher üblich war und mein Mann es auch von seinen Eltern kannte. Die beiden bauten vor langer Zeit in ihrer Datscha in Russland und später in ihrem kleinen Schrebergarten hier in Deutschland vielerlei Gemüse und Obst für sich und ihre Kinder an (ich erinnere mich an die vielen aufgeschnittenen Milchtüten auf den Fensterbänken meiner Schwiegereltern, in denen sie jeden Frühling Tomatenpflanzen vorzogen). Früher war es selbstverständlich, nicht nur Früchte, sondern auch die Samen vom eigenen Gemüse zu ernten. Stellt euch nur vor, ihr baut Gemüse an, deren Mutterpflanze schon bei euren Eltern oder Großeltern im Garten wuchs. Vor ein paar Wochen entdeckte ich die Tomatensamen, die mein Mann letzten Sommer sammelte im Körbchen, in dem ich allerlei Saatgut aufbewahre und als wir ein paar Tage später zufällig die Gärtnerin beim Spaziergang trafen, von der wir die Tomatenpflänzchen geschenkt bekamen, erzählte ich ihr, wie sehr ich mich darauf freue, die Sämchen demnächst zusammen mit den Kindern in kleine Anzuchttöpfchen zu stecken. Ich war ziemlich erstaunt, als ich hörte, dass wir wohl kaum Glück haben werden, dieselben leckeren Kirschtomaten ernten zu können, auf die wir uns schon freuten – das Saatgut war wohl nicht nachbaufähig, sondern eine sogenannte F1 Hybrid-Züchtung:

Ein Hybride ist ein Mischling, eine Kreuzung aus zwei Arten oder Sorten; und F1 bedeutet, dass es die erste Filial-, also Tochtergeneration ist. Bei manchen Arten kommen Hybriden und Kreuzungen aller Art von Natur aus häufig vor. Hybriden haben manchmal bessere Eigenschaften oder eine höhere Vitalität als die jeweiligen Eltern – daher kommt der Begriff „wilde Mischung“. Manchmal sind das Eigenschaften wie reicher Ertrag, höhere Resistenz gegen Krankheiten, schöne oder wohlschmeckende Früchte. In der Pflanzenzüchtung wird dies ausgenutzt, indem man durch Inzucht reinerbige Abstammungslinien herstellt, deren Pflanzen genau definierte Eigenschaften haben. Durch Mischung mit einer anderen reinerbigen Linie ergibt sich dann der Hybrid, der aber nur in der ersten Nachkommen-Generation, eben der F1, die gewünschten Merkmale zeigt. Ab der folgenden Generation beginnen sich die Merkmale wieder zu vermischen, die positiven Eigenschaften schwächen sich ab. Streng genommen sind F1-Hybriden also eigentlich gar keine Sorten im ursprünglichen Sinn. Aus diesem Grund können sie auch nicht in Genbanken erhalten werden, denn man kann aus ihnen ja keine gleichwertigen Nachkommen ziehen. F1-Hybriden sind Produkte, die nur so lange am Leben gehalten werden, wie die Sorteninhaber davon profitieren.

Stadt Land blüht

Aus dem Bauch heraus kaufen wir selbst seit Jahren mit gutem Gefühl Saatgut von Bingenheimer, das ich glücklicherweise vor Ort beim Einkauf in unseren Bioläden bekomme und deshalb selten online Sämereien zu bestellen brauche. Auch bei dm gibt es praktischerweise seit 2020 Boxen mit biologischem Saatgut von STADT LAND blüht, von denen momentan eine in meinem Einkaufskorb landet, um hin und wieder eines der Samentütchen als sinnvolles Mitgebsel (im Wechsel mit leckerem Bio-Tee, Postkarten oder anderen Nettigkeiten) mit in Kundenpäckchen zu legen.
Ich ahnte letztes Frühjahr nichts von der mir unbehaglichen Herkunft der Tomatenpflänzchen, die wir in unser Kindergärtchen pflanzten, ging etwas blauäugig davon aus, dass es sich bei der Herkunft des Saatguts um „gutes“ handeln würde.

Auch wenn ich seit seit vielen Jahren auf biologisches Saatgut achte, muss ich gestehen, dass ich erst vor einigen Jahren auf der Stuttgarter Messe Fair Handeln mehr über samenfestes Saatgut hörte. Ich erinnere mich gut daran, wie sehr mich die Gespräche und Informationen über die heutige Saatgutpolitik, genetische Ressourcen und Biodiversität von Kulturpflanzen, Hybridpflanzen, Genmanipulationen usw. am Stand von Garten Global schockierten. Vieles war mir bis dahin nicht bewusst – ich wusste nicht, dass Landwirt*innen und Gärtner*innen durch Saatgutgesetze der freie Zugang und auch die Freiheit, selbst Pflanzen zu vermehren, Saatgut mit anderen zu tauschen oder auf den Markt zu bringen, um damit die Diversität auf dem Feld zu erhalten und an neue (Klima-)Bedingungen anpassen können, verwehrt wird. Landwirtschaftsbetriebe dürfen also selbst geerntetes Getreide im nächsten Jahr nicht wieder ausbringen – sie müssen eine Gebühr an den „Sorteninhaber“ bezahlen, der sich das Saatgut schützen ließ, bzw. ist es, je nach Getreidesorte, auch gar nicht möglich, das Saatgut wieder als solches zu verwenden, weil es nicht samenfest ist – die gleiche Hybridsorte kann nur durch die erneute Kreuzung der Inzuchtlinien erzeugt werden – ist also dem Saatgutkonzern vorbehalten! Das Saatgut ist auf den einmaligen Verbrauch gerichtet (so war das wohl auch mit unseren Tomatenpflänzchen).

Wer heute Saatgut braucht, hat kaum eine Wahl. Wenige Konzerne beherrschen den Weltmarkt, in ihren Laboren entstehen hoch gezüchtete Gemüsesorten, chemisch behandelt und häufig mit gentechnischen Methoden verändert. Die äußeren Werte stimmen, doch im Inneren sind diese Pflanzen schwach. Schon die Samen der ersten Ernte eignen sich nicht zur erneuten Aussaat – die Landwirte sind gezwungen, jährlich neues Saatgut zu kaufen.

Saat:gut e.V.


Die früher übliche und vor allem natürliche Tradition, eigenes Saatgut zu vermehren, gibt es heute kaum noch, der genetische Reichtum geht rasend schnell verloren und wir Menschen werden damit mehr und mehr abhängig von großen Konzernen – vor allem in einem so wichtigen Bereich wie Nahrungsmittel.
Was ich damals auf der Messe Fair Handeln erfuhr und auch hier nachzulesen ist, ist furchtbar und extrem beängstigend:

Nachdem  die Behörden grünes Licht für die Übernahme von Monsanto durch Bayer gegeben haben, beherrschen drei Konzerne über 60 % des weltweiten Marktes für kommerzielles Saatgut und Agrarchemikalien: DuPont-Dow, ChemChina-Syngenta und Bayer-Monsanto. Baysanto ist mit Abstand der größte Agrarkonzern weltweit. Der Konzern verfügt über ein Drittel des globalen Marktes für kommerzielles Saatgut. Mit der Kontrolle über das Saatgut erlangen die Konzerne Macht über einen Markt, der so existentiell ist wie kein anderer und den es immer geben wird: Menschen müssen essen.
Solche Marktmacht führt zu geringerem Wettbewerb: Wenige Konzerne können Produkte, Preise und Qualitäten diktieren. Die Bauern hätten weniger Auswahl an Saatgut und weniger Vielfalt auf den Feldern.
Der jetzt schon dramatische Verlust der Artenvielfalt durch die industrialisierte Landwirt­schaft droht sich zu beschleunigen. Denn alle drei Konzerne halten an einem Agrarmodell fest, das auf Produktivitätssteigerungen setzt, auf die Bewirtschaftung immer größerer Flächen, auf Monokulturen und den Einsatz von Pestiziden und Gentech-Pflanzen.
Konzerne, die ihre Gewinne im Wesentlichen mit chemisch-synthetischen Pestiziden und mit patentiertem Saatgut erwirtschaften, werden alles daran setzen, die industrialisierte Landwirtschaft zu zementieren und ihr Agrarmodell auch in den Ländern des Globalen Südens durchzusetzen.
Bislang werden nur 20 Prozent des weltweit genutzten Saatguts durch Handel erworben, 80 Prozent gewinnen Bauern und Bäuerinnen nach wie vor durch Nachbau und den Tausch von Saatgut, insbesondere in Asien und Afrika. Weil die Agrarmärkte sowohl in Nord- und Südamerika als auch in Europa weitgehend gesättigt sind, sehen die Konzerne ihre Chancen für Wachstum und Expansion vor allem im Globalen Süden. Für sie geht es jetzt in erster Linie darum, Zugriff auf jene 80 Prozent des Saatguts zu erlangen, die noch keiner kommerziellen Nutzung unterliegen. Das heißt im Klartext: Alle drei Großkonzerne werden versuchen, Kleinbäuerinnen und -bauern in ein kommerzielles Regime zu zwingen – und damit die oftmals gut funktionierenden lokal angepassten Saatgutsysteme zerstören.

Heinrich Böll Stiftung

Es braucht viele, viele Menschen, die sich für den Erhalt von Kulturpflanzen, für samenfestes Saatgut einsetzen – das ist auch zu Hause im eigenen Garten (und sei er auch noch so klein), auf dem Balkon, der Terrasse, auf der Fensterbank, im Schrebergarten, auf Dachgärten, in Gemeinschaftsgärten, auf dem Land, in der Stadt, in Schulen, Kindergärten usw. möglich. Jede*r kann sich engagieren – vor allem aber ist es wichtig, dieses Thema raus aus der eigenen Blase laut in die Welt zu posaunen, um bei möglichst vielen Menschen ein Bewusstsein dafür zu schaffen. Wer samenfestes Saatgut verwendet, setzt ein Zeichen gegen Patente auf Pflanzen, gegen Saatgut-Monopole und für die Vielfalt und freien Zugang zu Saatgut.

Obacht: Auch bei Bio-Saatgut lohnt es sich, genauer hinschauen, denn nicht alle Bio-Sämereien sind samenfest. Sämereien können schon dann ein Bio-Zertifikat bekommen, nachdem zuvor nur die Mutterpflanze biologisch angebaut wurde. Außerdem können auch Hybrid-Pflanzen, wenn sie biologisch angebaut werden, ein Bio-Siegel erhalten.

Mein Blogbeitrag hier verdeutlicht nur ein winziges Schnipselchen des ganzen Grauens – in der Linksammlung, die ich unten anführe, könnt Ihr euch sehr gerne weiter belesen und Euch ein eigenes Bild machen. Je mehr man zu diesem Thema recherchiert, desto mulmiger wird einem in Bauch und Herzen.
In manchen Gegenden gibt es Tauschbörsen für Saatgut, Setzlinge und Pflanzen – in Zeiten von Corona wird das Tauschen wohl nur in der Umgebung oder mit Versand möglich sein. Ich finde das toll und möchte versuchen, diese schöne Idee nach meinen Möglichkeiten zu beherzigen.
Ich hoffe, ich kann mit diesem Beitrag ein kleines Steinchen ins Wasser werfen, das seine Kreise zieht – oder vielleicht ein Samenkörnchen säen, das Früchte trägt.



Kleine Link-Sammlung mit allerlei weiterführenden Infos zu samenfestem Saatgut (Achtung: nicht jedes Bio-Saatgut ist auch samenfest), Saatgut-Tauschbörsen samt Bezugsquellen

Herzlichst, Michèle
(die hier nun gerne mehr über die Arbeit im Garten erzählen mag)


*Dieser Blogbeitrag enthält Verknüpfungen (dunkel hervor gehobene Textstellen – durch einen Klick erfolgt eine Weiterleitung). Erwähnungen, persönliche Empfehlungen & Verknüpfungen in diesem Blogbeitrag sind freiwillig und beinhalten keine honorierte Werbung